Sonntag, 20. Januar 2008

Indonesien: Genitalverstümmelung an muslimischen Mädchen

046

الاسمُ

khafd -

islamische Frauenbeschneidung.

Female genital mutilation (FGM)

FGM ist auch

indonesisch

Bislang einfach totgeschwiegen:

Genitalverstümmelung an Frauen

ist auch im größten muslimischen

Staat der Erde eine Alltäglichkeit

Von Jacques Auvergne, 20. Januar 2007

Muslimische Massenverstümmelungen an kleinen Mädchen in aller Öffentlichkeit, Blut und Schreie auf den Schulhöfen der Stadt Bandung, die mit drei Millionen Einwohnern der viertgrößten Stadt Indonesiens ist. Das klingt so verstörend, dass man es zunächst nicht glauben möchte.

FGM in Indonesien! Das ist selbst uns neu, die wir uns seit knapp zwei Jahrzehnten mit dem Thema Genitalverstümmelung an Frauen ausgiebig befasst haben. Indonesien praktiziert Großgruppen‑Beschneidungsaktionen in öffentlichen Einrichtungen wie Gebetssälen oder Grundschulen.

Ist das erst seit heute bekannt? „Akte Islam“ schreibt am heutigen Tage von der indonesischen Variante jener brutalen und archaischen Praxis, die wir normalerweise in der Sahelzone zwischen Senegal und Somalia vermuten würden mit Schwerpunkten wie Mali und Sudan.

Waris Dirie und Ayaan Hirsi Ali berichteten aus den ostafrikanischen Kulturen der Frauenbeschneidung. Vereine wie Forward, Intact, Tabu, Wadi und die Organisation terre des femmes, Personen wie Rüdiger Nehberg, Thomas von der Osten-Sacken (Nord-Irak) leisteten wichtige und weltweit anerkannte Arbeit an der Abschaffung der FGM, journalistisch immer wieder beispielsweise von Alice Schwarzer (EMMA) unterstützt.

Die Verbreitung der FGM nach Nordosten hin schien im Jemen zu enden. Dann aber wurde dank der Arbeit des Vereins Wadi die Frauengenitalverstümmelung der nordirakischen Kurden der Weltöffentlichkeit bekannt – diese Tatsache war bis dahin selbst unter Völkerkundlern und Irak‑Experten unbekannt. Aber Indonesien?

Auch in Südostasien scheint es zum Thema Beschneidung weiblicher Genitalien „untold stories“, unerzählte Geschichten zu geben.

Was ist bis heute bekannt?

„Akte Islam“ ist es wohl, der das Verdienst gebührt, das traurige Thema der indonesischen islamischen FGM endlich im deutschen Sprachraum bekannt zu machen.

Chronisch geleugnet:

Der Islam und die FGM

Im November 2006 entschied die für den sunnitischen Islam höchste Autorität genießende „Universität“, die Kairoer Al‑Azhar, dass weibliche Genitalverstümmelung nicht mit dem Islam zu vereinbaren sei. Was wohl auch nicht ganz ernst gemeint ist, denn die Millionenstadt Kairo praktiziert täglich die FGM in Form der ägyptischen Klitoridektomie. Wollte die Al‑Azhar die kulturelle Moderne beschwichtigen oder will sie die Genitalverstümmelung wirklich abschaffen? Dass muss sie unter Beweis stellen, man darf gespannt sein. In den vorausgegangenen Jahrhunderten und Jahrzehnten hielten Gelehrte der Azhar FGM sehr wohl für erlaubt oder gar für ehrbar. Seit 2007 ist FGM in Ägypten bei Strafe verboten (Wikipedia), doch wird, wie islamisch üblich, alles die familiären Angelegenheiten Betreffende nicht der staatlichen Deutung überlassen. Weshalb abzuwarten ist, ob das Verbot messbare Auswirkungen haben wird: Ob die Zahl der Klitorisamputationen an den kleinen Mädchen im muslimischen Kairo sinken wird.

Zum Prozentsatz der betroffenen indonesichen Mädchen und Frauen lässt sich die ungeheuerlich hohe Zahl „96“ nennen: Akte Islam zitiert Sara Corbett, die am heutigen Tage in der New York Times („A Cutting Tradition“) die Weltöffentlichkeit auf dieses ausgesprochen islamische Thema hinweist: 96 Prozent der Familien mindestens im Großraum Bandung und wahrscheinlich im gesamten West‑Java gaben an, ihre Töchter spätestens im Alter von 14 Jahren der grausamen Prozedur auszuliefern. In West Java (Jawa Barat), das erst im 15. und 16. Jahrhundert islamisiert wurde, rechnen sich 94 % der Bewohner dem Islam zu (unter Jawa Barat bei Wikipedia).

Der Zusammenhang von Islam und FGM wird von Muslimen wie Islamfreunden nahezu täglich ganz aufgeregt geleugnet. Richtig ist, dass FGM vorislamisch ist und damit teilweise von Polytheisten und ebenso auch von Christen praktiziert wurde. Seit Jahrhunderten jedoch ist FGM ein Problem der islamisierten Gebiete der Erde, weshalb wir die Autoritäten dieser Religion aus ihrer Verantwortung für dieses Brauchtum nicht entlassen möchten. Viele lokale islamische Autoritäten befürworten die Frauenbeschneidung. Wir werden sehen, dass das in Indonesien nicht anders ist als im Gebiet zwischen Senegal und Somalia.

Die Assalaam‑Foundation

Die islampädagogische und islamsozialarbeiterische Assalaam-Foundation ist es, die seit einiger Zeit die Organisation und Durchführung der Massenverstümmelungen an Indonesiens Mädchen organisiert und verantwortet. Grundschulen verwandeln sich vorübergehend in Operationssäle, Schultische in Operationstische. Es fließt, ganz professionell, kaum Blut.

Vermutlich sollte die Menschheit auf universelle Pädagogik und universalistische Sozialarbeit Wert legen, so lange jedenfalls, bis islamische Staaten wie der weltweit bevölkerungsreichste in der Lage sind, dem sexualmagischen Tun solcher „islamisch‑caritativer“ und „islamisch‑erzieherischer“ Organisationen wie der Assalaam‑Foundation eine Ende zu bereiten. Dank frommer Sponsoren und ehrenamtlichen Einsatzes ist die Mädchenbeschneidung kostenfrei.

In der islamischen Bevölkerung von Bandung und West‑Java hält sich der Glaube, dass Mädchenbeschneidung genau so ehrenhaft und gottgefällig sei wie die (ebenfalls vormoderne) Jungenbeschneidung. Salam heißt Frieden und der Name des religiös inspirierten Vereins lässt sich mit Friedens-Gesellschaft oder Stiftung für den Frieden übersetzen.

Lukman Hakim

Der Beauftragte für Soziale Dienste der Assalaam‑Stiftung heißt Lukman Hakim und ist ganz begeistert von FGM. Die Operation diene dem sexuellen, sozialen und seelischen Wohl der Mädchen. Dafür nennt der fromme Muslim drei Gründe.

Zum ersten werde die FGM die Libido des Mädchens stabilisieren.

Zum zweiten werde das Mädchen oder die Frau in den Augen ihres Ehemannes als viel schöner erscheinen.

Zum dritten werde die Psyche des Mädchens ins Gleichgewicht gebracht.

Der Photographin Stephanie Sinclair wurde es im April 2007, dem Lunarmonat der Geburt des Propheten dann auch gerne gestattet, die Großgruppenbeschneidungen an Mädchen zu dokumentieren.

Sinclair wurde Zeugin, wie eines Sonntag morgens mehr als zweihundert Mädchen an ihren Genitalien beschnitten wurden, viele davon anscheinend erst vier Jahre alt.

Zaghaft beginnt im größten muslimischen Land der Erde eine vorsichtige Diskussion darüber, ob Mädchenbeschneidung zweckmäßig sei. Kenner des Landes meinen, dass sich ohne einen Bann seitens der höchsten islamischen Autoritäten Indonesiens an der alltäglichen Praxis nichts ändern werde. Ein Anfang Oktober 2006 (intact-network.net) bekannt gewordener und wohl bis heute noch nicht offiziell verabschiedeter Gesetzesentwurf soll medizinischem Personal die künftige Mitarbeit an den Massenbeschneidungen untersagen, doch wird die FGM ohnehin überwiegend von Menschen durchgeführt, die das „traditionelle Beschneidungshandwerk“ gelernt haben oder geburtshelferisch ausgebildet sind. Ob Indonesiens Beschneidungen, wie in Afrika üblich, ausschließlich von Frauen durchgeführt werden?

Die Schwere der Verstümmelung variiert regional sehr. Während in einigen Teilen Indonesiens eine eher rituelle Ritzung der Klitorishaut oder auch zusätzlich der Klitoris mit einem Messer oder Skalpell üblich ist, während in manchen Dörfern und Städten ein mit einem Nadelstich erzeugter „sinnzeichenhafter Tropfen Blut“ fließen muss, um das Geschlechtsorgan sexualmagisch und im Sinne einer Initiation „zu reinigen“, so wird in anderen Landesteilen Hautgewebe oder auch zusätzlich gleichzeitig Klitorisgewebe amputiert, dass „die Größe einer Bohne“ oder „die Größe eines Nadelkopfes“ hat. Jedenfalls wird aus der als „problematisch aufgeladenen“ Klitorisregion „etwas herausgeschnitten“. Dazu benutzen die Operierenden zumeist eine Schere und Desinfektionsmittel.

Die Mädchen müssen beschnitten sein, so will es die Mehrheit sowohl der muslimischen Indonesier als auch der islamischen lokalen Gemeinschaften (intact-network, 4.10.2006). Den Umfragen nach betrachteten 2007 noch 82 % der Familien ein „Schneiden“ als sittlich angemessen (New York Times, 20.01.2008). Auch die Forderung nach operativer Entfernung von intaktem genitalem Körpergewebe in der Volumengröße „eines Samenkorns einer Guave“ oder eines „Viertels eines Reiskorns“ hält sich im Islam von Generation zu Generation.

Ob auch etwas mehr weg geschnitten werden darf? Das ist wohl zu vermuten. Der bildhafte und nicht nur bei Verwendung einer Schere zugleich bezeichnend widersinnige Ausspruch von der Größe „eines Viertels eines Reiskorns“ scheint mir aus dem fatwaproduzierenden Milieu augenzwinkernder Männerbündler zu stammen und erinnert ein wenig an die Sache mit der Frage nach dem korangemäßen Prügeln der widerspenstigen Ehefrau: „Ja, aber nur ein wenig und nicht ins Gesicht und mit einem Hölzchen groß wie ein Zahnstocher.“ Eben augenzwinkernd: Es mag so oder auch anders sein. So viele Zahnstocher werden dann im entscheidenden Augenblick nicht auffindbar sein. Das ist dann Kismet.

Von Klitoridektomie, wie sie in Ägypten, dem Urlaubsziel der ebenso sonnenhungrigen wie gleichgültigen Mitteleuropäer üblich ist, ist der New York Times aus dem Indonesien des Jahres 2007 nichts bekannt. Nichts oder noch nichts?

Frau Sri Hermiyanti vom Gesundheitsministerium in der Hauptstadt Jakarta spielt die Unschuldige. Dr. Hermiyanti hält die „rituelle Reinigung“ der Mädchengenitalien für harmlos und bedauert im selben Atemzug, dass in Indonesien doch leider zumeist auch eingeschnitten oder sogar genitales Gewebe weg geschnitten wird. Sie weiß genau, dass immer ein wenig Blut fließen muss, verteidigt derartige archaische Sexualmagie und verschweigt das Umfunktionieren der Schulbänke in Operationstische ebenso wie die die Schmerzensschreie der Mädchen.

Beobachter der Gruppe „Population Council“, die Indonesiens Regionen vor 2003 bereist haben, berichteten sehr wohl von einer gelegentlichen Durchführung der Klitoridektomie.

Laut Forward Germany soll FGM auch in Malaysia vorkommen.

Jacques Auvergne

Quellen zur

Beschneidung weiblicher Genitalien

Wikipedia

deutsch

http://de.wikipedia.org/wiki/Beschneidung_weiblicher_Genitalien

englisch;

Wort FGC etwas bevorzugt gegenüber FGM

http://en.wikipedia.org/wiki/Female_genital_cutting

französisch;

Landkarte: klar „Indonesien nicht betroffen“

http://fr.wikipedia.org/wiki/Mutilations_g%C3%A9nitales_f%C3%A9minines

FGM und Islam, Wikipedia:

http://de.wikipedia.org/wiki/Beschneidung_weiblicher_Genitalien#Vorkommen_im_Islam

FGM in Indonesien:

Akte Islam am 20.01.2007

http://www.akte-islam.de/3.html

New York Times am 20.01.2007

http://www.nytimes.com/2008/01/20/magazine/20circumcision-t.html?_r=3&oref=slogin&ref=magazine&pagewanted=print&oref=slogin&oref=slogin

FGM in Kurdistan:

Wadinet

http://www.wadinet.de/projekte/frauen/fgm/studie.htm

http://www.wadinet.de/wadiev/presse/spiegel/16-06-06_diepresse.htm

FGM in Somalia

Faduma Korn

http://www.faduma-korn.de/info_fgm.htmlhttp://www.faduma-korn.de/info_fgm.html

Intact

http://www.intact-network.net/

Verein Tabu

http://www.verein-tabu.de/

Target (Rüdiger Nehberg)

http://www.target-human-rights.de/HP-00_aktuelles/index.php

FGM auch in Indonesien und Malaysia

Forward Germany

http://www.forward-germany.org/index.php?page=weibliche_beschneidung

Mittwoch, 9. Januar 2008

Brief an Ebru: Konflikstoff Kopftuch


Liebe Ebru,

auch ich legte schon als selbstbewusstes Grundschulkind großen Wert darauf, meine Kleidung im Geschäft selbst auszusuchen und morgens so zusammenzustellen, dass mir die Sachen, die ich anzog, auch gefielen. Das hat sich als Jugendliche und später als Studentin trotz des knappen Budgets nicht geändert und auch heute als berufstätige Frau und Mutter genieße ich die Freiheit, mich so zu kleiden wie ich möchte. Während ich mich als 10-jährige an der Garderobe meiner Lieblingslehrerin orientierte, sind mir heute Witterung, Funktionalität, der Anlass, zu dem ich mich passend kleiden will sowie meine augenblickliche Stimmung und Seelenlage maßgebliche Entscheidungshilfen bei der Auswahl.

Es ist also durchaus möglich, dass ich an einem Tag den maskulin wirkenden, klassischen Hosenanzug Marke erfolgreiche Geschäftsfrau bevorzuge, am nächsten Morgen mich für eine romantisch gesmokte, betont weibliche Bluse mit Carmenausschnitt und einen weitschwingenden Rock entscheide, während mir am Tag danach eine flippig bunte Sommerbluse mit farblich passenden Bermudashorts besonders gefällt. Sollte ich nachträglich wirklich einmal feststellen, mich bei der Auswahl der Kleidung vergriffen zu haben, ist das kein Problem, es wird sich eine Gelegenheit finden, sich umzuziehen. Ist dies aus irgendwelchen Gründen nicht möglich, kann mich jedoch Nichts und Niemand zwingen, am folgenden Tag wieder in dem unbequemen Outfit herumzulaufen.

Diese Freiheit hat eine Kopftuch tragende Muslima nicht. Selbst im Sommer bei schwülster Mittagshitze darf sie das Tuch nicht abnehmen, denn hat sie sich einmal dazu entschlossen, ihre Haare zu bedecken, ist das Tuch wie festgewachsen. Alternativen bestehen dann nur in Farbwahl, Muster und Stoffbeschaffenheit, denn selbst die unterschiedlichen Möglichkeiten die Tücher zu binden, sind zumindest für die Befürworterinnen der streng gebundenen Formen des Hijabs, die Kopf, Stirn, Hals und Schultern bedecken, sehr eingeschränkt. Die Befürworterinnen dieses fundamentalistischen Kopftuchs werden künftig keine liberalere Variante mehr tragen wollen und können, die mehr Haut zeigt.

Wäre das Kopftuch wirklich eine Freiheitssache, müsste es möglich sein, sich im Haus und in der Öffentlichkeit nach Lust und Laune mal ‘gut betucht‘, mal ‘oben ohne‘ zu bewegen. Zur ‘Freiheit‘ das Kopftuch anzulegen gehört immer auch die Freiheit, ohne Furcht darauf verzichten zu können, um bei einer anderen Gelegenheit einfach wieder nach diesem Utensil zu greifen. Trugen die ersten Arbeitsmigrantinnen das Kopftuch, um sich vor Wind und Wetter zu schützen oder um wie die Schauspielerin Catherine Deneuve und die spätere Fürstin von Monaco, Gracia ihre elegante Kleidung modisch aufzupeppen, ist das heute jedoch nicht mehr möglich, weil das meist seidene Tuch längst nicht mehr als nützliches Kleidungsstück oder Modeaccessoire getragen.

Heute verteidigt die zweite und dritte Generation dieser Einwanderer den ‘Konfliktstoff‘ sinnbildlich gesprochen mit Zähnen und Klauen als ihren individuellen Weg der Selbstverwirklichung, als kulturelles Symbol, als Zeichen der Zugehörigkeit zur Umma. Waren zunächst nur vereinzelt moderat gebundenen ‘Piratenkopftücher‘ im Straßenbild zu entdecken, die noch viel Haar offen zeigten, ist die Anzahl der jede Haarsträhne versteckenden, den Oberkörper bis zu den Schultern verhüllenden Schleier gerade unter den jungen, bildungsnahen Frauen stark gestiegen. Selbst Grundschulkinder in der zweiten Klasse, die ihren Kopf und Hals bedecken, fallen mir seit 2005 vermehrt auf.

Freiheit, so wie viele säkulare MuslimInnen sie verstehen, ist die Möglichkeit ohne Zwang, Angst vor Bestrafung und ohne Bevormundung zwischen verschiedenen Handlungsmöglichkeiten zu wählen. Es sollen Spielräume des individuellen Gestaltens geschaffen und erweitert werden, die Zufriedenheit soll gesteigert und die Lebensqualität verbessert werden. Um dabei auch die Interessen der Mitmenschen genügend zu berücksichtigen und deren Freiräume nicht unnötig einzuschränken, gibt es Rahmenbedingungen, die aus frei verhandelbaren, ungeschriebenen Vereinbarungen und Wertvorstellungen der kulturellen Moderne wie auch aus mehrheitsfähigen verfassungsgemäßen Gesetzen bestehen.

Ein solches, weitgehend selbstbestimmtes Leben setzt ein kritisches, verantwortungsbewusstes Verstehen und Überdenken der betreffenden Situation voraus, das möglichst reflektiert Vor- und Nachteile abwägt und dann eine Entscheidung trifft. Dabei ist die Chance sein Leben in eigener Regie zu gestalten und das Recht, die individuelle Biographie selbstbestimmt beeinflussen zu können, offensichtlich für die meisten so attraktiv, dass mögliche Fehlentscheidungen hingenommen und als Gelegenheit gewertet werden, damit umgehen zu lernen und Rückschlüsse zu ziehen, wie künftig solche Irrtümer vermieden werden können. Dabei ist die / der Einzelne immer wieder aufs Neue gefordert, Entscheidungen zu treffen und daraus zu lernen.

Zu so komplexem Denken und Handeln sind Achtjährige jedoch nicht in der Lage, dazu fehlt ihnen vor allem die Einsichtsfähigkeit in die Folgen ihres Tuns. Sie orientieren sich wie weltweit alle Kinder ihres Alters an Leitbildern in ihrem sozialen Umfeld und kopieren deren Verhaltensmuster. Geprägt durch Elternhaus, Koranschule und Umma sind sie vor allem den Brüdern und älteren männlichen Verwandten Respekt und Gehorsam schuldig. Im Fokus ihres Erziehungs- und Sozialisationsprozesses steht das traditionelle Menschenbild und Rollenverständnis des Islams, sie lernen von klein auf, eigene Interessen zu Gunsten der Gemeinschaft zurückzustellen und den Regeln der koranisch geprägten Sippe zu folgen.

Sehr familienbezogen, mit noch weniger Kontakten zu ‘ungläubigen‘ Gleichaltrigen, kennen die Kinder keine anderen Kleidungsgewohnheiten und wie mir meine Schülerinnen versichern, weisen die Koranschulen eindringlich (hoffentlich ohne Gewaltmittel) auf fromme Kleidungsregeln hin. Auch im Elternhaus wird der islamische Kleidungskodex ein zentrales Thema der religiösen Erziehung der Kinder sein und vor allem die selbst tief verschleierten Mütter werden deutlich auf die Vorzüge gottgefälliger Kleidung hinweisen. Hat sich die überwiegende Mehrheit der weiblichen Angehörigen in einer Familie für den Hijab entschieden, werden die Mädchen ihrem Beispiel sicher nacheifern.

Durch den Mangel an weniger fundamentalistisch orientierten Identifikationsfiguren im zahlenmäßig bewusst recht klein gehaltenen sozialen Umfeld haben die Kinder kein Bedürfnis, die Haare offen zu tragen. Viele Mädchen können sogar den Zeitpunkt kaum erwarten, endlich ‘dazu‘ zu gehören und das auch nach außen kenntlich zu machen. Ein weiterer Grund, aus dem Grundschülerinnen zum Kopftuch greifen, ist die einhergehende soziale Aufwertung im Clan. Konnte bisher selbst der kleinste Bruder ungestraft seinen Spott mit den Mädchen treiben, sind diesem Unfug jetzt gewisse Grenzen gesetzt. Alles sehr nachvollziehbare Gründe, sich früh zu verschleiern, mit Freiheit hat das aber wenig zu tun.

Um diesen altersgemäß leicht zu beeinflussenden, in ihrer Persönlichkeitsentwicklung unreifen Kindern eine wirklich freie Entscheidung zu ermöglichen, müssen alternative Erfahrungs- und Gestaltungsräume her, die weltanschauliche Neutralität garantieren. Diese Haltung sollte durch einfache, weder wertende noch symbolträchtige Kleidung dargestellt und umgesetzt werden. Gänzlich kopftuchfreie koedukative Kindergärten und Schulen, in denen sich auch die Mädchen ‘oben ohne‘ bewegen dürfen (französisches Modell), wären sicherlich ideale Lern- und Experimentierfelder. Mit dem Kopftuchverbot für Lehrerinnen ist ein wichtiger Schritt in diese Richtung gegangen worden.

Diese Identifikations- und Vorbildfunktion von PädagogInnen sowie das ihnen zuerkannte Fachwissen mag sicherlich manche Eltern bei schwierigen Erziehungsfragen dazu bewogen haben, sich an deren Verhalten zu orientieren. Wenn mir dieser Sachverhalt als Sozialpädagogin auch sehr schmeichelt, der vielleicht vorschnell entgegengebrachte Vertrauensvorschuss und ExpertInnenbonus hat dann Nachteile, wenn er, gewollt oder ungewollt, Ansichten und Denkmuster manipuliert. Meine Studienkollegin Juliana berichtete mir von Esma A., einer Klientin, deren türkische Mutter, Frau Hatice A. eine eher liberale Einstellung zu den von Natur aus tizianroten Haaren ihrer elfjährigen Tochter hatte.

Eines Tages bestand sie jedoch plötzlich darauf, dass die Jugendliche ihre Haarpracht unter einem Tuch verbarg. Nach den Gründen des plötzlichen Sinneswandels befragt, vertraute Frau A. meiner Kollegin, die als Familienhelferin bei A. tätig war, an, dass die neue Klassenlehrerin der frisch gebackenen Gymnasiastin Esma ebenfalls türkischer Herkunft war und Kopftuch trug. Nun war Frau A. um den guten Ruf der Familie besorgt und vor allem darum, ihren Eifer unter Beweis zu stellen, ihre Kinder zu gottesfürchtigen, frommen Mitgliedern der Umma zu erziehen. Die Reaktion der Klientin A. zeigt, dass es sich bei der Akzeptanz des Kopftuches gerade nicht um eine Freiheitssache handelt.

Die im letzten halben Jahr veröffentlichten Pressefotos der türkischen Politikergattinnen Gül und Erdogan, die sich demonstrativ mit Hijab an der Seite ihres Ehemannes fotografieren ließen, üben einen ähnlichen Druck aus wie das Vorbild der eben erwähnten Pädagogin. Die Bilder sollen das neue Image der modernen türkischen Muslima näherbringen, die genauso emanzipiert wie streng religiös konservativ ihr Leben in die eigenen Hände nimmt. Wenn die First Lady des ehemals betont laizitären Staates Türkei, Hayrünnisa Gül das ‘Schamtuch‘ nicht nur privat trägt, wenn sie das Haus verlässt, sondern auch bei Staatsbesuchen im Ausland und anderen offiziellen Anlässen, bricht sie bewusst mit ca. 80 Jahren säkularer Tradition.

Das ist ein überdeutliches Signal an die karrierebewussten TürkInnen im In- und Ausland, wie (Ehe-)Frauen künftig in der Öffentlichkeit aufzutreten haben. Das ist Wasser auf die Mühlen der religiösen Hardliner, nach Bundesinnenminister Schäuble (2007) ca. 40% der hier lebenden Muslime. Die werden sich in ihrer fundamentalistischen Lebensführung bestätigt fühlen und die fromme Kleiderordnung, die sie in ihrem engen sozialen Umfeld längst durchgesetzt haben, noch konsequenter zu überwachen und auszubreiten versuchen. Zumindest für TürkInnen gibt es keine Ausrede mehr, sogar die ‘Landesmutter‘ wirbt offensiv für die schariakompatible Verschleierung von Frauen. Auffällig dabei der betont emanzipierte, selbstbestimmte Eindruck.

Trotz der islamischen Renaissance nach 1979 gibt es in Europa und in der BRD gläubige Muslime, die sich nicht nur als ‘Ramadan-Muslime‘ der Umma zugehörig fühlen, sondern die fundamentalistischen Kleidungsvorschriften ablehnen oder die in dieser Frage noch unentschlossen sind. Wo bleiben deren Freiheitsrechte? Wo bleibt die negative Religionsfreiheit für AtheistInnen KonvertitInnen, ApostatInnen und ‘Ungläubige‘, die in unserem Land dieselben Grundrechte genießen und nicht totgeschlagen werden dürfen? Die Freiheit auf die du dich berufst, liebe Ebru, ist ein demokratisches Grundrecht, dass immer die Freiheit der anderen mit einschließt und sich eben nicht darin erschöpft, den Koran und die Sunna zu leben (Necla Kelek).

Muslimas, die behaupten, ohne Kopftuch würden sie sich nackt fühlen, geht es nicht alleine um Schutz. Sie unterteilen ihre Geschlechtsgenossinnen in die Gruppe der Ehrenhaften und die der Unreinen, egal ob die Betroffenen muslimisch sind oder gar ’Ungläubige’. Das Kopftuch ist somit Symbol für die Spaltung Menschheit in sittsam Tugendhafte sowie in verachtenswerte Sünderinnen. Der soziale Druck auf alle Mädchen und Frauen steigt proportional mit der Anzahl der Kopftücher im Straßenbild. Es gibt Stadtzentren, in denen Altbürgerinnen mit offenen Haaren vor die Füße gespuckt wird, sie werden zur Seite abgedrängt, ihnen wird der Weg abgeschnitten, sie werden absichtlich überhört, man sieht bewusst an ihnen vorbei.

Sollte es tatsächlich eine Muslimin wagen, ihre Haare nicht schamhaft zu bedecken, wird zunächst die Kernfamilie, dann die Sippe und schließlich die Community vorerst mit Hilfe von dringenden Ermahnungen und dem Erwecken von Schuldgefühlen versuchen, die Abweichlerin wieder auf den rechten, Allah wohlgefälligen Weg zu bringen. Gelingt das nicht, folgen wüste Beleidigungen, üble Nachrede, Ausschließen aus dem Freundeskreis, Schläge, Verweigern von intimen Zärtlichkeiten bis hin zum Mord aus falsch verstandener Ehre. Nahezu niemand wagt es daher, sich aus den Fesseln der sakralen Systeme Scharia, Koran und Sunna zu befreien, wer darüber redet oder schreibt, beschmutzt in den Augen der Fundamentalisten die Ehre des Clans, beleidigt die Umma und begeht Verrat an Allah.

Mit dem Kopftuch bedeckt man eben nicht nur die Haare, um als Frau erkannt zu werden, mit dem Tragen des Türban unterwirft man sich den nicht interpretierbaren Gesetzen des Islams. Der Hijab ist nicht nur ein unschuldiges Stück Stoff unter dem man die Haare versteckt, er ist eine Art Vertrag zwischen der Trägerin und der Umma, den sie mit dem ersten Binden des Tuches quasi unterschreibt und anerkennt. Sie bejaht mit der Verschleierung die für orthodox denkende Muslime wörtlich umzusetzenden Vorschriften aus Koran, Sunna und Scharia. In der kulturellen Moderne jedoch Frauen grundsätzlich für unrein und minderwertig zu halten und das Ganze als Ausdruck von Selbstbestimmung und individueller Freiheit zu werten ist grotesk und inakzeptabel.

Wenn ich auch niemanden zu seinem Glück zwingen möchte und Meinungsfreiheit ein von mir sehr geachtetes Menschenrecht ist, meine Toleranz endet an dem Punkt, wo von der Verfassung der BRD garantierte Grundrechte missachtet werden, besonders wenn die Gefahr besteht, dass Rechte von Frauen oder Kindern bedroht oder verletzt werden. Die Kairoer Erklärung der Menschenrechte und die Arabische Charta der Menschenrechte mit Scharia und Koran als Fundament, prägen in Theokratien Gesellschaft und Rechtsprechung, im demokratischen Europa gelten sie nicht.

Verachtung von Andersgläubigen, Verbot der Apostasie bei Todesdrohung, Diskriminierung von Frauen, Gewalt in der Erziehung, körperliche Züchtigung in der Ehe, Zwangsverheiratung, Teenagerschwangerschaften, Mord aus falsch verstandener Ehre gehören für islamische Fundamentalisten zum Lebensalltag wie das ‘Schamtuch‘ für Frauen. Du, liebe Ebru, magst diese ‘Software‘ als persönliche Art sehen deinen Glauben zu leben, ‘Freiheitssache‘ ist der Schleier schon deswegen nicht, weil er für eine Lebensführung steht, die Freiheiten anderer beschneidet. Ich halte es da eher mit Ralph Giordano, der anlässlich einer Podiumsdiskussion sagte: „Wenn das offene Haar der Frauen Begehrlichkeiten bei den Männern weckt, wäre es besser, den Männern Handschellen anzulegen als den Frauen das Kopftuch“.

Ümmühan Karagözlü

Montag, 31. Dezember 2007

Dschihad im Lehrerzimmer

038

جهاد

Dschihad, frommer Eifer:

Jetzt auch im Lehrerzimmer?

Cem geht zur

Schule

Unsere Schule und

unsere Migranten

Cem wurde versetzt

Von Jacques Auvergne.

Erlebt von Ümmühan Karagözlü

Dschihad bedeutet frommer Eifer, gottgefällige Anstrengung. Und was tut eine seit drei Jahrzehnten im Rheinland lebende türkische Mutter nicht alles für ihren mäßig begabten und zugleich total faulen zwölfjährigen Sprössling, dem leider der Schulverweis droht? Wo der Junge doch am Ende der so genannten Orientierungsstufe angelangt ist, in dem ein Wiederholen für diese Realschüler der ausgehenden sechsten Klasse in jenem Bundesland klar verboten ist.

Richtig, eine türkische Mutter legt frommen Eifer an den Tag. Denn es ist ihre Rolle, die Löwenmutter zu spielen. Eine andere Rolle lässt ihr die Religion beziehungsweise, was dasselbe ist: Lässt die türkische Großfamilie nämlich gar nicht zu. Die Sippe als Religion.

Ohne das Gefängnis muslimische Großfamilie ist der unsichtbare muslimische Gott arbeitslos.

Im Rechtsstaat wäre der Junge nun von der Realschule „geflogen“ und fortan Besucher der Hauptschule gewesen. Aber Allah hatte einen anderen Plan.

Lassen Sie mich den Jungen für heute Cem nennen, weil er kurzfristiger Gewinner ist und so toll zur Gemeinschaft dazugehört. Die Mutter nennen wir mit Familiennamen einmal Yildirim, weil sie, wie sich zeigte, eine Gewitterstimmung verbreiten kann, dass es nur so blitzt und donnert.

Der zwölfjährige Cem Yildirim hätte von der Schule fliegen müssen, denn er stand im Januar:

· Englisch 5

· Deutsch 5

Nun, Cem wurde in Deutschland geboren, doch zu Hause in Almanya wird kein einziges Wort Deutsch gesprochen, es ist nämlich ein richtig türkisches Haus.

· Mathematik 4

Damit hätte aller Voraussicht nach niemand auf der Schule bleiben können, ohne deutliche Notenverbesserung jedenfalls. Was geschah in diesem halben Jahr des sechsten Schuljahres, was geschah vor dem drohenden Schulwechsel?

Anfang Januar kündigte sich also an, dass die Versetzung vom 6. ins 7. Schuljahr äußerst gefährdet sein würde. Im Januar kam die deutsche Nachhilfelehrerin denn auch mit Mutter Yildirim ins Lehrerzimmer beziehungsweise Sprechzimmer der Schule.

Anwesend waren die Klassenlehrerin und zugleich Deutschlehrerin. Ebenso anwesend waren die Englischlehrerin und der Mathematiklehrer. Insgesamt fünf Personen also. Das Gespräch dauerte wie vorgesehen etwa eine Stunde. Eine Art Schlachtplan wurde entworfen: Vereinbart wurde, dass die Nachhilfelehrerin zwei mal wöchentlich das Haus der Yildirims betritt, um mit dem Zwölfjährigen jeweils 2 volle Stunden im Einzelunterricht zu arbeiten. Vier volle Wochenstunden intensiver Nachhilfe mithin. Das fand nachfolgend auch so statt, bis Ende April, dann kamen die so genannten Zeugniskonferenzen.

Vier Monate von vier Wochenstunden Lernförderung für Cem, durchgeführt von einer begnadeten und bekannt erfolgreichen Lerntrainerin. 64 Stunden Förderung sollten ein lebenslanges Aufwachsen eines türkischen Zwölfjährigen im tiefsten Almanya ohne ein Wort Deutsch also wettmachen. Um es vorweg zu nehmen: Es gelang eher nicht, in Deutsch stand Cem, wir schreiben Mitte April, immer noch 5.

Man kann sich in Nordrhein‑Westfalen als Realschüler des sechsten Schuljahres jedoch keine 5 leisten, und das heißt: Gar keine 5. Eigentlich. Und schon eher gar nicht, wenn diese 5 immer im selben Fach ist. Die Konferenz hat in so einem wie dem zuletzt genannten Fall eine Entscheidung zu treffen. Bei einer zweiten 5 ist allerdings nichts mehr zu entscheiden, das Kind kann, eigentlich, nicht auf der Realschule bleiben. Eigentlich.

Im April also stand der Junge in

· Englisch 4-5

Hier hat sich das Nachhilfetraining, Einzelunterricht, positiv ausgewirkt, doch wie gesagt:

· Deutsch 5

Die Lücken waren einfach zu groß. Cems Wortschatz der deutschen Sprache umfasste im Januar 350 Worte, sein Wortschatz belief sich im April auf immerhin 700 Worte: Er hat also ganz bemerkenswert aufgeholt, fürwahr kein unbegabtes Kind! Doch das Problem war die fehlende „Familiensprache Deutsch“ bei gleichzeitiger fehlender Förderung. Das zweite Problem war so etwas wie eine dringend zu vermutende permanente Erweckung negativer Emotionen zu Deutschland und den Deutschen seitens der Eltern.

In der Familie Yildirim gab es kein Buch. Außer dem dunkelgrünen mit Goldbeschlag gab es kein Buch, auch kein türkisches. Gar keins. Lesen spielt keine Rolle. Klarer Vorteil: Die Augen verdirbt sich niemand, wenigstens nicht durchs Lesen. Der Fernseher indes lief ständig, echte postmoderne Medienverwahrlosung also, ausschließlich türkische Fernsehprogramme, wie sich versteht, und auch nur garantiert sinnfreie Seifenopern.

· Mathe 4

Es begab sich der Einzug ins Besprechungszimmer. Ohne Cem, darauf hatte die Mutter bestanden, der Schule war es gleichgültig gewesen, ob der Junge dabei ist oder nicht. Eine Stunde sollte das Gespräch dauern, so war es vereinbart. Die einander aus dem Januar bekannten fünf Personen also nahmen im sehr kleinen Sprechzimmer Platz. Nahmen „Platz“ ist damit etwas irreführend, besser also: Drängten sich im Zimmerchen zusammen. Es war 13. Uhr.

Mutter Yildirim, die Englischlehrerin, die Deutschlehrerin als Klassenlehrerin, der Mathelehrer und die Nachhilfelehrerin.

Das Gespräch dauerte, wie vorgesehen, eine Stunde. Um es vorweg zu nehmen: Man ging zornig auseinander, zwei der lehrenden Professionellen waren sauer wenn auch sehr unterschiedlich sauer, die Englischlehrerin kochte regelrecht vor Wut. Der Deutschlehrerin aber war die Sache eher egal, sie hat Dergleichen des Öfteren erlebt.

Ein Gespräch mit nachfolgender Umsetzung, die eigentlich verboten ist. Eigentlich, aber doch bitte nicht bei in Deutschland geborenen Kindern „mit Migrationshintergrund“.

Die Nachhilfelehrerin war sauer, stinkesauer, sie fühlte eine schmerzliche und demokratiegefährdende Ungerechtigkeit und daneben hatte sie so etwas wie Mitleid mit Cem, der auf einer für ihn nicht angemessenen Schule war. Außerdem war die Nachhilfelehrerin zornig auf die Eltern, die den durchaus intelligenten und erfreulicherweise charakterlich ausgesprochen gutmütigen Cem durch eine typisch türkische Erziehung in eben diese missliche Lage gebracht haben. In diesen wenigen Monaten, zum ersten Mal in seinem jungen Leben, hatte Cem die Gelegenheit gehabt, in ein persönliches Lernen wirklich „einzusteigen“ und die Nachhilfelehrerin konnte spüren, wie sehr es dem Jungen das Lernen gefiel.

Die Familienkultur der Verachtung alles Deutschen aber hatte Cem in eine recht ausweglose Lage manövriert. Das türkische Erziehungsziel für viele in Deutschland lebende Muslime lautet offensichtlich: Die Deutschen und ihre Lebensform sind nichts wert. Dabei waren auch auf den zweiten Blick bei den Yildirims keine Anzeichen von Fundamentalismus zu entdecken, wir haben bei dieser Familie eher so etwas wie finstersten Traditionalismus anzunehmen. Provinzielles Türkentum pur, wobei Türkentum ohne Islam nicht denkbar ist und islamisches Fußvolk nicht ohne einen gewissen Bildungshass auskommen möchte.

Ich habe aber noch gar nicht erzählt, was bis 14.00 Uhr eigentlich geschehen ist.

13 Uhr, man zog in den Raum. Die Klassenlehrerin hätte die durch Gesetze und Verordnungen klar vorgeschriebene Rolle gehabt, Frau Yildirim jetzt zu sagen, dass Cem die Schule wechseln muss. Die Lehrerin handelte entsprechend, das dauerte eine Viertelstunde und die schulischen Gepflogenheiten Nordrhein‑Westfalens wurden ausführlich erläutert. Nennenswerte sprachliche Hürden bestanden in dieser Stunde nicht. Frau Yildirim schwieg diese Viertelstunde lang, doch begann sie, nach guten drei Minuten, zu weinen, denn in der 4. Minute gab die Lehrerin bekannt, dass diese Schule die falsche Schule für Cem ist. Sicherlich, eine traurige Sache. Gute zehn Minuten Weinen also, was alle sehr belastete. Was denn auch durchaus der Sinn des Weinens war.

Klagendes Weinen also, und zwar ebenso planmäßig wie auch erpresserisch. Diesen meinen Vorwurf mag man jetzt als erschreckend empfinden, doch muss dieses hier gesagt sein. Die Deutschlehrerin sagte später der Nachhilfelehrerin vertraulich, mehr als geahnt zu haben, eher schon gewusst, wie Frau Yildirim als pflichtgetreue türkische Löwenmutter reagieren würde. Die Deutschlehrerin hatte tatsächlich einen Riesenstapel an Taschentüchern für die obligatorischen Krokodilstränen bereit gelegt.

Gute zehn Minuten leises Schluchzen. Die ansonsten ausgesprochen machtbewusste und souverän wirkende Frau einfachster Schulbildung inszenierte sich als filmreifes Klageweib.

Dann aber die folgenden drei Viertelstunden. Es wurde recht laut. Tränen ausgestellt und ein nahezu pausenloses Gerede angestellt: Wie fleißig der Junge doch sei, wie gut, wie fleißig die Mutter doch all die Jahre gewesen sei, wie sehr sie mit dem Sohn Vokabeln geübt hätte.

Kein Wort stimmte, in Wahrheit hatte die Mutter keinerlei Anstalten gemacht, um zwischen Januar und April etwaige Lernfortschritte Cems zu unterstützen, man hatte vielmehr auch in dieser wichtigen Zeit annehmen müssen, dass Mutter Yildirim kein Interesse an der schulischer Bildung ihrer Kinder gehabt hat. Bemerkenswert vielleicht, dass im Februar und März in Anwesenheit der Nachhilfelehrerin immer wieder Türkisch gesprochen wurde, obwohl Mutter Yildirim einer Vereinbarung, doch wenigstens in diesen wenigen Stunden Deutsch zu sprechen, im Januar zugestimmt hatte. Mutter Yildirims Gleichgültigkeit dominierte also das entscheidende Quartal.

Nun aber, im Gespräch, folgte Lüge auf Lüge, was die Nachhilfelehrerin in einige Schwierigkeiten brachte. Cems Mutter kalkulierte nämlich ganz genau, dass die anwesende und auf Fairness und Etikette bedachte Nachhilfelehrerin zu höflich sein würde, sie in dieser Minute der Lüge zu bezichtigen, und so konnte Frau Yildirim schamlos farbigste Märchen von angeblichen endlosen Bibliotheksbesuchen und gemeinsamem Vokabeltrainieren erzählen oder vom Beachten des rechtzeitigen zu Bett Gehens gerade vor den Klassenarbeiten. Das alles war glatt gelogen, die Kultur einer gewissen Medienverwahrlosung beherrschte auch Cems Zimmer: Pausenlos liefen ein Fernsehgerät und eine Play‑Station, und zwar auch sehr spät nachts.

Eine gute halbe Stunde Selbstbeweihräucherung also. Klagen über das schwere Los: „Das kann doch nicht sein“. Dann wieder großer Lobgesang auf die fleißige Nachhilfelehrerin, großes Loben und Preisen des Söhnchens. Ihre Litanei füllte 95 % dieser Zeit, nervtötendes Anklagen des widrigen Schicksals. Der seltsam beschuldigende Satz „Das kann doch nicht sein, warum darf der Junge denn nicht die Klasse wiederholen“ fiel wohl fünfzig Mal. Die schulischen Bedingungen waren ihr durchaus vertraut.

Dann aber beging die Klassenlehrerin so etwas wie einen Fehler, denn angemessen sachbezogen sprach sie: „Ja Frau Yildirim, haben Sie denn wirklich erwartet, dass innerhalb von drei Monaten die gesamte Grundschulzeit und die beiden Realschuljahre hätten aufgearbeitet werden können? Wenn sich auch einige Leistungen gebessert haben und wenn Cem heute besser mitarbeitet, was ja lobenswert ist. Doch das kam einfach zu spät und zwar wohl viele Jahre zu spät.“

Es war jetzt 14.50 Uhr. Und es wurde laut. Sehr laut. Frau Yildirim donnerte eine knapp zehnminütige sturmgewittrige Schimpfkanonade los. Daher Yildirim. Und zwar pausenlos, kein Lehrer kam zu Wort! Drei der vier anderen saßen verschreckt da. Nur die Deutschlehrerin guckte ebenso genervt wie gelangweilt, sie allein wusste nämlich recht genau, was kommen würde, hatte sie Dergleichen in den letzten Jahren doch schon mehrmals erlebt, wie sie uns Tage später erklärte. Frau Yildirim schrie, keifend und gellend:

„Sprachliche Diskriminierung! Diskriminierung! Und Cem hat es im Leben doch schon so schwer weil er übergewichtig ist und Herzprobleme hat er auch und jetzt hat er sich so abgeschunden und gequält und das soll jetzt etwa alles umsonst gewesen sein?“

Es wurde noch etwas lauter:

„Wir Eltern können nachts nicht mehr schlafen und haben Herzschmerz, jedoch Sie verlangen, dass Cem auf Hauptschule muss? Das können Sie doch nicht tun! Dass wäre Diskriminierung, sprachliche Diskriminierung. Man kann dem Jungen doch nicht vorwerfen, kein ausreichendes Deutsch zu sprechen!“

Es wurde nun ganz laut. Durch die geschlossene Tür hätte es jeder hören können. Doch die Schule war wohl schon ganz leer. Bis auf die Handvoll Menschen in besagtem Zimmerchen. Bei lediglich einer Schallquelle.

„Die anderen Schüler würden ihn beleidigen, sich über ihn lustig machen, wenn er auf die Hauptschule gehen müsste! Auch die gute Nachhilfelehrerin hat so viel Arbeit investiert! Ich werde Widerspruch einlegen, wo kann ich mich über diese Schule und diese Entscheidung beschweren? Und ich kann nachts nicht mehr schlafen und habe Schmerzen in der Herzgegend! Was für eine Diskriminierung eines ausländischen Kindes!“

Und sie log weiter, dass sich die Balken bogen:

„Und all diese Bibliotheksbesuche und all dieses Vokabellernen, all mein Fleiß und meine Sorgfalt als Mutter“.

So vergingen die restlichen Minuten. Mit drei gemurmelten Worten ging man auseinander. Klassenlehrerin wie Nachhilfelehrerin appellierten noch an Frau Yildirim, doch keinen Widerspruch einzulegen, denn dieser hätte beim Kultusministerium eingereicht werden müssen und wäre mit höchster Wahrscheinlichkeit als völlig unbegründet abgelehnt worden.

Liebe Leserinnen und Leser. Ein Dreivierteljahr ist vergangen. 2007 neigt sich heute dem Ende zu. Sie können sich denken, was ich Ihnen noch zu berichten habe. Zwei Dinge.

Erstens, richtig: Cem besucht das siebte Schuljahr. Seiner Realschule.

Zweitens: Zu der Sache mit dem etwaigen schriftlichen Widerspruch beim Kultusminister. Fünf Monate später traf die Nachhilfelehrerin nämlich Frau Yildirim, welche zu spät versuchte, ungesehen die Straßenseite zu wechseln. So kam es zu einem zehnminütigen Gespräch, bei dem die seit dreißig Jahren in Deutschland lebende Türkin Cems jüngere Geschwister praktischerweise gleich zur Nachhilfe anmeldete. Drittklässler, die nämlich gleichfalls in der Schule nur aus dem Fenster gucken konnten, weil sie Jahr für Jahr nichts, absolut nichts verstanden haben. Ach ja, der eingereichte Widerspruch.

Es hat ihn nie gegeben. Er ist gar nicht erst gestellt worden, erklärte Mutter Yildirim mit ausgefuchstem Grinsen. Ein Gespräch mit der Vertrauenslehrerin hat genügt, um Cems Verbleib auf der Schule zu sichern. Auch ein Wiederholen, ohnehin verboten, war auf einmal kein Thema mehr. Die sommerlichen Zeugnisnoten müssen sich also ganz überraschend … verbessert haben.

Jacques Auvergne. Erlebt von Ümmühan Karagözlü



Dienstag, 11. Dezember 2007

Kopftuch ./. freiheitliche Grundordnung

013

Ümmühan Karagözlü

Demokratie oder Scharia

Säkular statt theokratisch

Das Kopftuch

Kein Kopftuch

im öffentlichen Dienst

Von Ümmühan Karagözlü

Seit dem Richterspruch des Bundesverfassungsgerichts ist auch das bevölkerungsreichste Bundesland, Nordrhein-Westfalen, damit beschäftigt, eine Entscheidung zum Kopftuch bei Beschäftigten öffentlicher Institutionen zu fällen. Als Sozialpädagoginnen (verschiedenster Glaubensrichtungen), die berufsbedingt täglich auf muslimische Kommilitoninnen und Klientinnen treffen, können wir diesem Thema nicht gleichgültig gegenüber stehen.

Bezug nehmen auf unsere langjährigen Erfahrungen in der Kinder- und Jugend- und Schulsozialarbeit sowie in der außerschulischen Bildung möchten wir folgende Gedanken einbringen:

vor etwa vierzig Jahren kamen die ersten Muslime als Gastarbeiter in die BRD. Die damalige Bundesregierung lud diese Menschen nach Deutschland, zunächst meist türkischstämmig und fast immer männlich, da es unserem Land an (billigen) Arbeitskräften mangelte. Weil die Arbeitsmarktsituation noch recht entspannt war und ausländische Arbeitnehmer selbst als Ungelernte hierzulande mehr verdienten als zu hause, holten sie nach einigen Jahren ihre Familienangehörigen nach und bauten gemeinsam mit ihnen eine neue Existenz auf. Der Wunsch in die Heimat zurück zu kehren wurde auf unbestimmte Zeit verschoben, zumal das Wirtschaftswachstum weiter anhielt und für die teilweise bereits in der Bundesrepublik geborenen Töchter und Söhne qualifizierte Schulabschlüsse, interessante Ausbildungsmöglichleiten und attraktive berufliche Chancen lockten.

Bis etwa Ende der 90er Jahre war die Zugehörigkeit zum Islam für die in Deutschland arbeitenden, lernenden, studierenden und lebenden Muslime anscheinend so selbstverständlich, dass es ihnen nicht wichtig war, diese etwa durch Einhaltung strenger Bekleidungsvorschriften gegenüber der nichtmuslimischen Mehrheitsgesellschaft zu dokumentieren. Dies galt auch für die Anhängerinnen dieser Weltreligion, die als Studentinnen in die BRD kamen oder als Flüchtlinge und Asylbewerberinnen Zuflucht vor Verfolgung und Tyrannei suchten. Auch ist uns nicht bekannt, dass zu dieser Zeit die laïzistische Haltung des türkischen Staates kritisiert wurde.

Die hier ansässigen muslimischen Menschen lebten wie die südeuropäischen Gastarbeiter so unauffällig, dass zu Zeiten wirtschaftlicher Blüte und Vollbeschäftigung die bundesdeutsche Politik der Lebenslage dieser Mitmenschen keine Aufmerksamkeit widmete. Obschon selbst während der etwa Mitte der 80er Jahre einsetzenden Weltwirtschaftskrise und deren desintegrierenden Folgen längst nicht mehr mit einer Rückkehr dieser Bevölkerungsgruppe in ihre Heimat zu rechnen war, ignorierte die damalige Bundesregierung gleichermaßen den aufkommenden Unmut der Mehrheitsgesellschaft wie die sich verschlechternde Lebenslage der nicht europäischstämmigen (kleinasiatischen) Migrantinnen.

Vie zu spät bemühten sich beispielsweise Migrationsbeauftragte oder Fachausschüsse um eine erfolgreiche Eingliederung dieser Bevölkerungsgruppe. Vor allem die in vielfältigen Bereichen des Alltags, besonders aber bei der Arbeitsplatzsuche exkludierenden Folgen mangelnder Sprachkompetenz (zunehmend auch in der Muttersprache) wurde lange Zeit nicht beachtet. Zwar haben wir mittlerweile Politikerinnen mit Migrationshintergrund sowie Ausländerbeiräte. Viele von uns haben türkische Kolleginnen, marokkanische Kommitinoninnen und albanische Nachbarinnen. Doch ist es bisher nur in Ausnahmefällen gelungen, die aus islamisch geprägten Kulturen stammenden Familien wirklich in unsere offene Gesellschaft zu integrieren.

Ein deutlicher Beleg für diese These lässt sich am Beispiel der schlechten sprachlichen und sozialen Integration der zweiten und der dritten Generation türkischer Mitbürgerinnen festmachen, die eher Hauptschulabschluss oder auch gar keinen Schulabschluss erlangen. Diese zahlenmäßig große Gruppe lebt nicht selten in fast ausschließlich türkischen Straßenzügen, versorgt sich mit allen Artikeln des täglichen Lebens in den Geschäften ihrer Landsleute und konsumiert dank Satellitenfernsehen Information wie Unterhaltung in türkischer Sprache. Gerade für Frauen und Kinder bleibt die deutsche Sprache zunehmende ’Terra incognita’. Auch trägt die erst seit wenigen Jahren wahrnehmbare Angst der Musliminnen vor Assimilation gewollt oder ungewollt zu einer Ghettoïsierung bei, da wirklich tragfähige soziale Bindungen nur zu Landsleuten bestehen. Gespräche mit Deutschen werden auf ein Mindestmaß reduziert, offener Gedankenaustausch gar ist sehr selten.

Die halbherzig betriebene Integrationspolitik führte dazu, dass ein besonders hoher prozentualer Anteil der Migrantinnen und Einwohnerinnen mit Migrationshintergrund arbeitslos war und ist. Die beiden zuletzt geborenen Generationen stehen zudem vor dem Dilemma, von uns als Ausländerinnen gesehen und behandelt zu werden, während sie im Herkunftsland als ’Deutschländerinnen’ gelten. Es sollte uns daher eigentlich nicht überraschen, dass besonders für die dritte Generation einer Migrationswelle angesichts derartig verschlechterter Lebensbedingungen die Frage nach der eigenen Identität immens wichtig wird.

Derart durch düstere Zukunftsaussichten und tiefe Identitätskrisen verunsichert ist es nicht verwunderlich, dass es nach der ’islamischen Revolution’, Iran 1979, zu einer (vermeintlich) Gemeinschaft stiftenden Fundamentalisierung und Islamisierung insbesondere der unter 40jährigen Misliminnen überall in den Industriestaaten Europa gekommen ist. So ist zu beobachten, dass die Kopftuch tragenden Frauen, viele von ihnen hier geboren, im Straßenbild immer häufiger werden. Die Tatsache, dass nicht selten junge Musliminnen streng verhüllt mit Tuch und langem Mantel das Haus verlassen, während ihre Mütter in der Kleiderfrage die westliche Variante bevorzugen, ist ein unfreiwilliges Ergebnis derartig verfehlter Integrationspolitik und der gesamtgesellschaftlichen Kultur des Wegschauens.

Besonders betroffen macht uns allerdings die Beobachtung, dass seit etwa 2004 bereits sehr junge Mädchen nur noch mit der streng gebundenen Variante des Kopftuchs, welche Nacken, Hals und Dekolletee bedeckt und nur noch das Gesichtsoval frei lässt, aus dem Haus ihrer Familie heraus gehen. Selbst Zehnjährige mit Hijab, wir meinen damit die Haube, die, aus einem Stück Stoff genäht Haare, Schultern und Oberkörper vollkommen einhüllt, erscheinen im westdeutschen Stadtbild. Dazu tragen sie nicht selten den oben bereits erwähnten, vor wenigen Jahren eigens entworfenen knöchellangen grauen oder schwarzen Mantel.

Dieses streng islamistische Outfit ist, wie wir meinen, für kleine Mädchen, die auch noch spielen und herumtoben sollten, unpraktisch und bewegungsfeindlich. Auch erwachsenen Frauen können mit diesem kaftanähnlichen Gewand ’keine großen Schritte’ machen. Zudem behindern diese Formen des Kopftuchs zweifellos Hör- wie Sehsinn der Trägerinnen und schränken das (Um-)Weltwahrnehmen der Mädchen und Frauen nicht unerheblich ein, besonders wenn auch der Blick züchtig gesenkt werden muss. Diese Kleidungsgewohnheiten erhöhen nicht nur die Unfallgefahren im Straßenverkehr (eingeschränktes Blickfeld), nein, jeder einigermaßen aufmerksame Mensch wird bestätigen dass Körpersprache und Auftreten sowie Denk- und Lebensgewohnheiten beeinflusst werden.

Schon diese oben beschriebenen Alltagsszenen deuten an, dass es bei der bevorstehenden Entscheidung des Landtages von Nordrhein-Westfalen um weit mehr geht als um die rechtliche Gewichtung des Staates zur weltanschaulichen Neutralität einerseits und das Diskriminierungsverbot eines nach Meinung der Anhängerinnen religiös zu interpretierenden Symbols einer monotheistischen Weltreligion andererseits. Hier steht wesentlich mehr als die Klärung dieser Streitfrage zur Entscheidung an!

Wie viele Politikerinnen und Bürgerinnen in der BRD sind wir der Meinung, dass Kleidungsstücke wie Hijab und Türban (dazu gehören nach unserer Ansicht auch Kippa, Sikh-Turban oder Frömmler-Strickmütze der Islamisten) keine religiös zu interpretierenden Insignien sind, die unter das Benachteiligungsverbot nach Art. 3 GG fallen. Diese Ansicht lässt sich wie folgt begründen:

Nach wie vor sehen weltweit viele Musliminnen das Tragen des Kopftuchs nicht als religiöse Pflicht an. So schreibt Prof. Bassam Tibi in seinem Buch Der Islam und Deutschland – Muslime in Deutschland, dass er viele afrikanische und südostasiatische Gebiete islamischer Bevölkerung bereist habe, in denen Frauen mehrheitlich nicht Kopftuch tragen.

Auch in Europa und in der BRD ist die Gruppe derjenigen Muslimas, die sich nicht mit islamistischen Kleidungsvorschriften identifiziert, deren Mitglieder sich gleichwohl als gläubige Musliminnen bezeichnen, recht gro. Selbst im Koran wird man nach einem ausdrücklichen ’Kopftuchgebot’ vergeblich suchen, eher findet man dort Textstellen, die besagen, dass die Frauen keine auffällige Kleidung tragen sollten. Wie aber kann es dann sein, dass gerade unter den jungen Muslimas der Anteil derjenigen, die zwar ihr Haar unter einem fundamentalistisch streng gebundenen Kopftuch verbergen, ansonsten aber bewusst erotische und den Körper in Szene setzende, hautenge Kleidung bevorzugen, so sehr groß ist (klappernde Stöckelschuhe, Top mit transparenter Spitza an Taille und Oberarm, Rock mit langen Seitenschlitzen)? Religiöse Motive scheinen diese Anhängerinnen des ’wahren Glaubens’ wohl nicht gerade umzutreiben.

Unte Berücksichtigung solcher Beobachtungen und angesichts der Tatsache, dass sich selbst aus dem ’Heiligen Buch der Muslime’ eine religiös begründete Verpflichtung jeder muslimischen Frau zum Tragen des Kopftuches nicht ableiten lässt, kann dieses ’Stück Stoff’ nicht als ein ’eindeutig religiöses Symbol’ interpretiert werden.

Im Konsens mit vielen Bürgerinnen und Politikerinnen in NRW und auch mit Blick auf die Bundesländer, in denen schon eine Entscheidung zum Kopftuch getroffen wurde, sind wir vielmehr der Ansicht, dass mit dem ’Kleidungskodex der islamischen Renaissance’ auch Haltungen einhergehen, die nicht schützenswert ist. Daher fordern wir die Landesregierung auf, sich bei ihrer Meinungsbildung keineswegs darauf zu beschränken, dass allein die Möglichkeit, dass ein Tragen des Kopftuches religiös begründet sein könnte, ausreicht, um eine verfassungsrechtlich nicht tragbare Beteiligung von kopftuchtragenden Lehrerinnen in staatlichen Schulen im Falle eines Kopftuchverbots abzuleiten.

Wir halten es für unverzichtbar, angesichts der Grundrechte der Kopftuchgegnerinnen wie auch der in dieser Frage unentschiedenen abzuklären, für welche Strömungen (Polit‑Islam Shari`a; Traum vom Kalifat), Lebenspraxen (Gewalt in der Erziehung, Zwangsverheiratung) und Geisteshaltungen (Verachtung von Andersgläubigen, Verbot der Apostasie bei Todesdrohung) das Symbol Kopftuch (das Prinzip Kopftuch) eben auch gesehen werden kann. Sieht man sich im Straßenbild um, informiert sich oder spricht mit Vertreterinnen der beiden Meinungsfraktionen, spricht vieles dafür, dass ’dieses Stückchen Stoff’ für verschiedene Haltungen und Ansichten in Anspruch genommen werden kann. Doch sicherlich nicht für die Emanzipation der Frau.

Die demonstrative Unterwerfung unter eine Kleidungsvorschrift, die den äußerlich von Weitem erkennbaren Unterschied zwischen den Geschlechtern zementiert, als Ausdruck von Selbstbewusstsein und Gleichberechtigung zu werten hält nicht nur Frau Dr. Lale Akgün, MdB und langjährige Islam‑Beauftragte der SPD‑Bundestagsfraktion für grotesk. Wer die Weiterentwicklung der Gleichberechtigung und Gleichstellung als wesentliches Ziel der Mitgliedsstaaten des Europarates anerkennt, kann eine solche Verunglimpfung und Verachtung der Frauen Iran, Afghanistan, Saudi‑Arabien und Algerien, die das Kopftuch eben nicht freiwillig gewählt haben, nur als zynisch ansehen.

Frauen, die behaupten, ohne Kopftuch würden sie sich nackt fühlen, geht es nicht alleine um Schutz. Nein, unausgesprochen unterteilen sie gleichzeitig ihre Geschlechtsgenossinnen in die Gruppe der Ehrenhaften und die der Unreinen, egal ob die Betroffenen Muslimas sind oder gar ’Ungläubige’. Das Kopftuch, einschließlich der damit einhergehenden ’Software’, ist somit Symbol für die Spaltung der halben Menschheit in Sittsame, Tugendhafte sowie in verachtenswerte Sünderinnen. Die zunehmende Gewohnheit dieser Musliminnen, Männern prinzipiell nicht mehr die Hand zu geben (prominente Vertreterin: Fereshta Ludin), zielt in die gleiche Richtung: sie manifestiert für alle Umstehenden sichtbar der minderwertigere Stellung der Frau, die grundsätzlich als unrein gilt. Dieses (deutsche, europäische) Begrüßungs- und Verabschiedungsritual ist streng gläubigen Muslimas außerdem untersagt, weil selbst dieser harmlose Hautkontakt sexualisiert wird und Mädchen und Frauen unterstellt, wie eine Hure Männer zu verführen. Eine unserer Meinung nach kompromittierende Unterstellung.

Das Verhüllen der Haare kann also auch als Symbol für die Diskriminierung aller Menschen (also der muslimischen Männer) gesehen werden, die nicht bereit sind, sich dieser Frauen verachtenden Bekleidungsethik zu unterwerfen. Während eine große Gruppe von ’Ungläubigen’ Religionsfreiheit und das Recht zur freien Meinungsäußerung, d.h. auch Kritik an den religiösen Weltanschauungen, als demokratische Tugend (bekannte Persönlichkeiten erachtet (bekannte Persönlichkeiten wie z.B. Prof. Bassam Tibi, der Dalai Lama, Hans Jonas und Willigis Jäger gehören dazu), droht Schriftstellerinnen und künstlerischen Freigeistern wie Sir Salman Rushdie die Todes‑Fatwa. Für eine solche Geisteshaltung, für die das Kopftuch eben auch stehen kann, religiöse Toleranz einzufordern, halten wir für eine dreiste Provokation.

Wir alle wissen um die lebenslang prägende Beispielfunktion jeder Kindergärtnerin und Lehrerin, vor allem in Grundschulklassen. Daher müssen wir damit rechnen, dass nicht nur auf muslimische Kinder und Schülerinnen einer neben den Eltern und später der Peergroup so wichtigen Identifikationsfigur vorbehaltlos nacheifern. ’Textilen Ausweis der Reinheit und Rechtgläubigkeit’ (dazu gehören auch das islamische maskuline Gebetskäppchen und die jüdische Kippa) tragende Islamistinnen hätten dann in staatlichen Institutionen wesentlichen Anteil an der Interpretationshoheit ’wahrer Religion’. Sie würden jungen Muslimas verdeutlichen, wie sich ehrbare Mädchen und Frauen nicht nur ihren Glaubensbrüdern und –schwestern, sondern auch der Mehrheitsgesellschaft gegenüber kleiden und zu verhalten hätten. Damit würden wir ausgerechnet Fundamentalistinnen einen so wesentlichen Bereich wie die Deutung des (Um‑)Welt- und Menschenbildes in in demokratischen Erziehungs- und Bildungsräumen überlassen.

Die gesunde, selbst bestimmte Entwicklung von Töchtern und Söhnen zu gesellschaftskritischen und demokratischen Persönlichkeiten, die ein auf dem Grundgesetz (Artikel 3 Absatz §) fußendes Frauenbild bejahen, sollte uns sehr am Herzen liegen. Nicht nur wir Pädagoginnen sollten uns verpflichtet wissen, jeder diesem Erziehungs- und Bildungsauftrag zu wider laufenden Entwicklung entschieden entgegenzutreten. Die seit wenigen Jahren von Islamisten propagierte Abmeldung vom Sport- und Schwimmunterricht sowie das Verbot an Klassenfahrten teilzunehmen, verhindert ein wesentliches Erziehungsziel: die gelingende Integration in die Klassengemeinschaft.

Der Gewissenskonflikt, dem junge Musliminnen, die ihre nicht verhüllten Mütter und Schwestern verachten müssten ausgesetzt sind, dürfte niemanden kalt lassen, schon gar nicht Abgeordnete einer demokratischen Landesregierung. Solch vorgeblich religiöse Kleidungs- und damit einhergehende Verhaltensvorschriften und Einstellungen sorgen für die Instrumentalisierung unserer Schulhöfe, Lehrerzimmer und Klassenräume durch die hart agitierende Minderheit der Fundamentalistinnen und verstoßen gegen Art. 3 Abs. 3 GG. Beides kann nicht im Interesse der Landespolitik sein und sollte durch ein entsprechendes Gesetz verhindert werden.

Das Verbot von Kopftuch und anderen aufdringlichen Symbolen sollte sich jedoch keinesfalls auf staatliche Erziehungs- und Bildungseinrichtungen beschränken, sondern auch im Gerichtssaal Anwendung finden. Dies halten z.B. für eine verfassungskonforme Verteidigung und Urteilsfindung für unumgänglich. Wir hätten Zweifel, dass ein Gebetskappe oder Turban tragender Anwalt beziehungsweise eine streng verhüllte Richterin aufgrund ihrer schon äußerlich sichtbaren fundamentalistisch‑religiösen Wertehierarchie zu einem Vergewaltigungsopfer oder zu einem homosexuellen Verdächtigen mit der gebotenen Objektivität Stellung nehmen kann.

Ümmühan Karagözlü

Diese Abhandlung wird von einer Autorin verfasst. Sie beschreibt und reflektiert insbesondere Lebenslage und Perspektiven von Frauen mit und ohne Migrantionshintergrund in der BRD. Zur besseren Lesbarkeit des Textes verwendet die Autorin generell die weibliche Sprachform (geschrieben: Sozialpädagoginnen, Bürgerinnen etc.), Männer sind ganz selbstverständlich mit gemeint.